Zu Howard Phillip Lovecrafts Lebenszeiten hatte der Autor nur einen kleinen Kreis von Fans, hauptsächlich in der Amerikanischen Weird Fiction Szene. Von vielen Kritikern verschrien, von seinen Fans als einzig wahrer Nachfolger Poe’s gekrönt, lebte der Mann, in Providence, Rhode Island sein ganzes Leben lang.
Seine Werke – zu Lebzeiten nur in Grusel- und Science Fiction Magazinen veröffentlicht – umfassen etwa 40 kurze Erzählungen und 12 größere Geschichten die unter anderem zu den besten des Genres zu zählen sind.

H.P. Lovecraft war schon als Kind kränklich und introvertiert, was sich auch später nicht ändern sollte. Freunde hatte er wenige, die einzige Art der Kommunikation die er wirklich genoss, war der Briefwechsel mit anderen gleichgesinnten Autoren seines Genres. Zu Lebzeiten hatte Lovecraft mehr als 100.000 Briefe verfasst. Täglich schrieb er bis zu 10 Briefe, viele davon 20-seitig. So ist es nicht verwunderlich, dass nicht mehr Werke von ihm erschienen sind.

Lovecraft wuchs unter der Erziehung seiner neurotischen Mutter auf, während sein Vater, als Howard 3. Jahre alt war, in eine Nervenheilanstalt eingeliefert wurde und 2 Jahre später verstarb. Sein schlechter Gesundheitszustand erlaubte es dem jungen Lovecraft nicht die Schule und das College zu besuchen, jedoch konnte er sich die Bibliothek seines Großvaters zu Nutze machen. Mit 5 Jahren hatte der frühreife Junge bereits die Grimmschen Märchen und die Sage von Tausend und einer Nacht gelesen. Durch seine ausgezeichnete Auffassungsgabe und sein Erinnerungsvermögen angestachelt begann er danach die Griechischen und Römischen Sagen und Mythologien zu lesen. Die Faszination ging so weit, dass er bei seinen Spielen Altare aufbaute, auf welchen er Pan oder Apollo opferte.
Eine weitere Leidenschaft des jungen Mannes waren die Naturwissenschaften, speziell Chemie und Astronomie. Im Keller seines Großvaters richtete er sich ein eigenes Chemie Labor ein. Doch noch stärker faszinierte ihn der Sternenhimmel. Nächtelang beobachtete er die Sterne und verfasste einige Handgeschriebene Bulletins mit dem klingenden Namen:  „The Rhode Island Journal of Astronomy“ die er an Freunde verteilte. Seit 1906 schrieb er auch regelmäßige Artikel in der Zeitschrift für die „Providence Evening Tribune“ und andere lokale Zeitschriften.
Bald trat dann aber seine Leidenschaft für die Literatur ans Tageslicht, speziell für die Dichtung des 18. Jahrhunderts. Er begann selbst Geschichten und Gedichte zu schreiben, die Dichter Pope, Dryden, Addison, Johnson u.a. nachahmend. Diese alte Schreibweise, nicht frei von Schwulst, hatte er bis zu seinem Lebensende nicht abgelegt.
Die phantastische Literatur beeindruckte ihn ebenso, vor allem die Werke von Poe, sowie phantastisch-utopische Geschichten. Schon mit 8 Jahren schrieb er eigene Werke, die er später jedoch als Schund betrachtete und vernichtete.

1914 trat H.P. Lovecraft in die „United Amateur Press Association“ ein, einer über ganz Amerika verbreiteten Organisation von Amateur Schriftstellern die sich selbst durch Kritik und Anregungen weiterhalfen. Die Selbstverlegten Geschichten der UAPA brachten seine ersten Gruselgeschichten, Essays und Gedichte. In dieser Zeit begann auch die umfangreiche Korrespondenz die er sein ganzes Leben lang weiterführen sollte. Zu seinen engsten Freunden in diesen Kreisen zählten Reinhard Kleiner, James F. Morton, Frank Belknap Long und Samuel Lovemann der auch den Kontakt zu dem Dichter Clark Ashton Smith in Kalifornien vermittelte.

Auch wenn Lovecraft ein aufgeweckter und belesener junger Mann war, so war seine Weltanschauung zu diesem Zeitpunkt geprägt von einer gewissen Naivität und Weltunerfahrenheit. So hegte er ultrakonservative und antidemokratische Ansichten die er auch öffentlich in einigen Briefen und seinem selbst herausgegebenem Magazien „The Conservative“ (1917-1923) äußerte. Mann muss dabei auch sagen, das diese Meinungen zur damaligen Zeit eher oft vorkamen.
So soll er vor Denkmälern laut gebrüllt haben: „God save the King. Nieder mit den Feinden des Königs Georg III!“. Er zeigte unverholene Interesse an nicht ernst zu nehmenden Rassen-Theorien wie die Überlegenheit der nordischen Rasse und den Antisemitismus sowie dem Faschismus Mussolinis.
Auch zeigte er eine fast schon patalogische Abneigung gegen andere Rassen, die in seiner New Yorker Zeit zu reinem Fremdenhass wurde.

Um Lovecraft gerecht zu werden muss man erwähnen, dass sich Lovecraft von diesem Gedankengut in seinem späteren Leben distanzierte. So verwandelte er sich von einem Rechtsradikalen in einen Quasi-Liberalen der seine Stimme sogar Franklin D. Roosevelt gab. In Wirklichkeit war er nicht so Menschenverachtend wie er sich in seinen Briefen gab. Wohl eher waren seine Ausbrüche rein rethorischer Natur. Als er die Vertreter der „verhassten Völkergruppen“ näher kennen lernte, legte er diese Meinung ab. So waren seine Frau und einige seiner besten Freunde, jüdischer Abstammung.

Lovecraft  übte nie einen richtigen Beruf aus, sondern arbeitete als Lektor, Ghostwriter, Schriftsteller, Kritiker und Korrektor von Manuskripten. Als seine Mutter gestorben war, führten ihm die beiden Schwestern seiner Mutter den Haushalt.

Seine Erzählungen wurden in dem Horror Magazin „Weird Tales“ abgedruckt, wobei er hier ca. 1 Cent pro Wort bekam. Doch je eigenständiger und umfangreicher seine Werke wurden, desto öfter lehnte der Herausgeber des Magazins die Geschichten ab. Meisterhafte Erzählungen wie „At the Mountains of Madness“ oder „The Shadow Out of Time“ wurden schließlich von dem Science Fiction Magazin Astounding Stories (1936) gedruckt.
In seiner Heimatstadt Providence lebte Lovecraft das Leben eines Sonderlings. So schrieb er meistens in der Nacht oder mit vorgezogenen Vorhängen und unternahm lange nächtliche Spaziergänge im städtischen Park. Ihn als Einsiedler abzustempeln ist allerdings falsch. Hin und wieder empfing er Freunde oder unternahm Reisen, darunter auch Kanada und Florida.

Seine letzen Lebensjahre waren von seiner Krankheit gezeichnet, so das seine Schöpferische Kraft auch darunter litt und er starb am 15. März 1937 in Providence.

Wodurch zeichnet sich allerdings der Ruhm, den Lovecraft heute in Literarischen Kreisen genießt, aus?
Lovecraft war einer der ersten und auch einer der wenigen, der einen neuen Archetyp des Horrors gefunden hatte. Bis dahin zählten zu den Hauptfiguren der Vampir, der Werwolf und der Geist. Doch er schuf „das Andere“.

Wohl liegt der Reiz an seinen Geschichten darin, dass er dem Grauen nur sehr selten ein Gesicht verlieh und den Leser oft im Unklaren lässt, ob die Geschichte die er erzählt, nur im Kopf seines Hauptcharakters spielte, oder ob es wirklich war.
Zu seinen wohl besten Werken gehört „Die Farben aus dem All“ in dem er in präzisen Schilderungen ein namenloses, unfassbares Grauen schildert. Etwas Uraltes, Geheimnisvolles, zutiefst Böses. Die eindringliche Schilderung von dem Verfall von Pflanzen, Mensch und Tieren in einer kleinen Farm in der nähe der fiktiven Stadt Arkham (entspricht Salem/Massachusetts) gehört sicherlich zu seinen besten.

Der Grundidee folgend, das es Ausserhalb etwas gab, das unbeschreiblich Böse war und die Menschheit seit undenklichen Zeiten bedrohte, schuf er seine Cthulhu Mythologie mit seinen Uralten. Er war fasziniert von der Vorstellung, das die Erde nur ein Staubkorn in der Weite des Kosmos war, das Leben Mensch im Vergleich zu den Äon des Universums nur das Leben einer Eintagsfliege war und das die Erde vor langer Zeit von einer fremden, höher entwickelten Rasse bewohnt war. Mit dieser Idee hatte er auch einige Pseudowissenschaften begründet, wie sie heute noch z.b. von Erich von Däniken weitergeführt werden.

Giorgio Manganelli fasste zusammen (im Vorwort des Erzählungsbandes „Cthulhu“, suhrkamp taschenbuch Band 29): „Lovecraft hat einen besonderen Ehrgeiz kultiviert: es ist die Erfindung einer Mythologie oder einer Pseudomythologie, die Beschreibung eines geschlossenen, totalen Universums, ein vielleicht überforderter, jedenfalls aber großzügiger Ehrgeiz eines außerordentlichen Schriftstellers.“
Weiters schrieb Manganelli: „Lovecraft will kein Visionär sein, sondern in Chronist des Grauens, ein Chronist der Unterwelt.“

In der Tat ist Lovecraft ein sorgfältiger, pedantischer Reporter des Grauens. Wer hat das „namenlose uralte Grauen“ in unterirdischen Gängen und Grotten, in den Ruinen titanischer Städte eindringlicher zu schildern gewusst als er? Er hat sich nicht lange mit den traditionellen Gespenstern, Vampiren und Werwölfen aufgehalten. Vielmehr formte er neue Gestalten des Unheimlichen: finstere Nachtwesen wie Ghule, die Kinder stehlen und Leichen verzehren und an Eingängen zu den unterirdischen Labyrinthen auf Vorübergehende lauern, ferner lemurenhafte geflügelte Nachtmahre die „Nights-Gaunts“ (hagere Nachtgestalten) und Shantaks oder wiederum degenerierte Bewohner gewisser Hafenstädte wie Innsmouth, die mehr Fischen oder Fröschen als Menschen ähneln. Schließlich erfand er die ureigenen Geschöpfe seiner kosmischen Dämonologie: die Monstergötter mit den unaussprechlichen Namen wie Cthulhu, Yog-Sothoth und Nyarlathotep, die er von seinen Alpträumen her zu bedrohlichen Archetypen seines literarischen Universums umgestaltete. Es sind die machtgierigen dämonischen „Uralten“, die sich hin und wieder als formlose, gallertartige Massen oder als Chimären mit drachenähnlichen Flügeln und rüsselartigen Fangarmen manifestieren, nicht zuletzt mit einem widerwärtigen Gestank, der ihre Nähe ankündigte. Lovecraft gibt sich ehrlich Mühe, die Ungeheuer seiner Phantasie detailliert zu schildern und sie als Realitäten darzustellen. Er begnügt sich nicht mit bloßen Andeutungen, sondern er berichtet mit wissenschaftlicher Akribie. Da er als berzeugter Materialist und Atheist  überhaupt nicht an das Übernatürliche, Okkulte und Mystische glaubte, im Gegensatz zu anderen Autoren von unheimlichen Geschichten, verliert er sich nicht in mystische Schwärmerei und Geschwafel.

Viele Kritiker warfen Lovecraft vor häufig von Adjektiven wie „horrible, terrible, frightfu, unholy, eerie, weird, forbidden, blasphemous, etc“ Gebrauch zu machen.
Meiner Meinung nach hat Lovecraft diese Anhäufung von Adjektiven als eine Art Wortmagie bewusst eingesetzt um durch die Monotonie der Wiederholung eine besonders gesteigerte Wirkung auf den Leser zu erzielen.
Lovecraft verwendet solche gespreizten Redewendungen als vorsätzliche literarische Stilmittel, obwohl dadurch auch die Gefahr gegeben ist, dass der beabsichtige Gruseleffekt ins unfreiwillig Komische umschlägt.

War Lovecraft ein Außenseiter seiner Zeit?
War er ein Versager im Beruf, in der Ehe und sogar als Autor? Sein jüngster Biograph L. Spraque de Camp spart nicht mit solchen Vorwürfen. Daran ist sicherlich etwas Wahres. Hätte aber Lovecraft ohne Schwierigkeiten sein äußeres Leben gemeistert, erfolgreich studiert und wäre er gar Professor an der Brown Universität in Providence geworden, hätte er dann uns solche eindringlichen Geschichten wie „Das Ding auf der Schwelle“ oder“Der Aussenseiter“ hinterlassen? Diese Geschichten tragen seinen Stempel und spiegeln seine innere Welt wieder.

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