Salzburg hat touristisch ja soviel zu bieten. Also, nicht nur Nockerl, Mozarthaus und „Jedermann“. Auch der Mönchsberg ist immer eine Reise wert, wenn man sich bei schöner Aussicht in den Tod stürzen möchte. Allen „Sound of Music“-Touren, allem Trachtenjanker-Chic zum Trotz ist Salzburg eine beklemmende Stadt, in der nicht nur Georg Trakl depressiv wurde. SILENTIUM fängt perfekt ihre Düsternis und Enge ein, diesen leicht bräunlichen Sud aus Salzach-Dunst, Schnürlregen und Stiegl-Bier. Und das sind noch die angenehmeren Flüssigkeiten in diesem Film – wenn erst das Blut anfängt zu tropfen, fließen, und der Natursekt, na dann servus!

Wobei Golden Shower noch immer besser ist als eine Dusche als Todeskammer. Es ist nämlich so, dass der Brenner (Josef Hader) sich mal wieder Feinde macht und derart vom Nieselregen in die brüheiße Traufe gerät, dass KOMM, SÜSSER TOD wie ein Kuraufenthalt wirkt dagegen. Weil der Ex-Bulle einer schönen Witwe nicht widerstehen kann, die glaubt, dass ihr Mann nicht einfach von selbst vom Mönchsberg in die Altstadt geplatscht ist.

Aber unbequeme Fragen stellen, das kann schnell ungesund werden. In einer Stadt, wo Kirche, Festspiel-Klüngel und Politik verfilzen. In einem katholischen Internat, wo – „Silentium!“ – das Schweigen oberstes Gebot ist und der Sportpräfekt (Joachim Krößl) neben Bibel und Trillerpfeife in der Schublade eine Pistole hat. Im Festspielhaus, wo ein Jungregisseur (Christoph Schlingensief) grade Mozarts „Entführung aus dem Serail“ zum Irak-Krieg macht. Bald wirbelt dem Brenner der Kopf wie ein Tischfußball-Männchen, und auf dem Fußballplatz wird er von einem Modellflugzeug gejagt – Cary Grant in Hitchcocks NORTH BY NORTHWEST ist nichts dagegen.

Dem Trio Haas, Murnberger und Hader ist schon wieder eine kongeniale Film-Adaption von Haas‘ großartigen Romanen gelungen, und das ist um so höher einzuschätzen, als diese Bücher eigentlich gar nicht verfilmbar sind. Ihr eigentlicher Star ist der Erzähler mit seiner Stammtisch-Stimme. Im Kino wird er zur Randfigur, dafür bekommt der Brenner auch diesmal seinen Berti als Gefährten zur Seite. Und wir sehen einen der Internatszöglinge, wie er in sein Notizbuch schreibt: „Jetzt ist schon wieder was passiert,“ den Eröffnungssatz aller Brenner-Krimis (außer dem ersten). Haas weiß, wovon er in „Silentium“ schrieb, er war Schüler eines katholischen Salzburger Internats.

SILENTIUM ist eine hemmungslos derbe, fies gewalttätige Satire gegen Kirche und Festspiele. Das eigentlich Blasphemische, Brutale sitzt tiefer, dunkler drin, ist purer, tragikomischer österreichischer Existenzialismus: Das Menschsein als absurder Kreuzgang und Salzburg als Welt.

Mit freundlicher Genehmigung von Thomas Willman

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