Der „Blaue Mond“, das sehr seltene Zusammentreffen von zwei Vollmondnächten in einem Monat, erzeugt eine ganz besondere, geheimnisvolle Stimmung. Das wussten bereits zahlreiche Musiker, die dieses Phänomen besangen, das wusste auch Jim Jarmusch, dessen MYSTERY TRAIN in einer ungewöhnlichen Nacht um die von Elvis gesungenen Version dieses Liedes kreiste, das weiß auch die Pichler-Oma, deren Lebensweisheiten Josef Hader alias Johnny Pichler in BLUE MOON regelmäßig zitiert und das weiß natürlich auch Andrea Maria Dusl, die Regisseurin dieses bemerkenswerten, kleinen Films.
Bezeichnenderweise ist eine leeres Autokino der Ausgangspunkt von BLUE MOON. Ein osteuropäischer Mafiosi wartet dort schlecht gelaunt, da sich zum einen der Geldboten verspätet und zum anderen das blonde Callgirl auf dem Beifahrersitz seines amerikanischen Nobelwagens nicht seinen Vorstellungen entspricht. Als der Bote (Josef Hader) endlich erscheint, jedoch „Verzugszinsen“ fehlen, wird die Situation kritisch, weshalb das Callgirl Shirley (Viktoria Malektorovych) den jähzornigen Gangster kurzerhand außer Gefecht setzt und mit dessen Wagen flüchtet. Eher unfreiwillig mit dabei ist auf dem Rücksitz der Bote Pichler, der sich  überraschend schnell in sein Schicksal fügt (was angesichts seiner attraktiven Begleitung so unverständlich nicht ist).
Gemeinsam fahren sie Richtung Osten, um dort das gestohlene Auto zu verkaufen und kommen sie sich dabei langsam näher. Doch die Beziehung ist vorbei, bevor sie richtig beginnt, als Shirley mit Pichlers Geld verschwindet und ihn mit dem Auto alleine zurückläßt. In dieser trostlosen Situation lernt Pichler den deutschen Schuhverkäufer Ignaz Springer (Detlev Buck) kennen, der ihm seine Freundschaft aufdrängt, um ihn gleichzeitig zu betrügen und auszunutzen, wo es nur geht.
Aber Pichler plagen andere Sorgen bzw. Sehnsüchte, weshalb er sich auf den Weg in die Ukraine macht, um Shirley ausfindig zu machen. Als er in der Stadt Lviv Shirleys Zwillingsschwester Jana findet und sich in sie verliebt, ist die Odyssee kurz unterbrochen, aber noch lange nicht vorbei. Zu viele Fragen sind noch offen, weshalb es weiter geht nach Kiew (wo sich ihm Springer wieder anschließt) und schließlich nach Odessa, zum großen Finale.
So sehr das alles auch danach klingen mag, lässt sich die unablässige Reise der drei Hauptpersonen von BLUE MOON doch nicht mit Attributen wie flüchtend, suchend oder verfolgend umschreiben. Ihre Art der Fortbewegung ist unbestimmter und lässt sich noch am besten als Driften beschreiben. Sie driften von Stadt zu Stadt, von Land zu Land, von Erlebnis zu Erlebnis, von einer Katastrophe zum großen Glück, von einem Höhenflug zum totalen Absturz, mal alleine, mal zu zweit.
Das ist der charmante Rhythmus dieses Films und er fesselt den Zuschauer derart, dass man gerne darüber hinwegsieht, dass das Drehbuch arg viele Zufälle bemühen muss, um die drei Protagonisten (und ein Taxi) ständig zu trennen und in neuer Konstellation wieder zusammenfinden zu lassen.
Das Driften bestimmt aber nicht nur das Fortkommen der Hauptfiguren, sondern ist vielmehr das Grundprinzip des gesamten Films.
Die Geschichte driftet zwischen Komödie, Tragödie, Liebesgeschichte, Road- und Buddymovie. Die Regie driftet zwischen spontanem Realismus, hektischem Dogma-Stil, ruhigen Plansequenzen, kreativem Eigensinn und filmischen Reminiszenzen (von Eisenstein bis Hitchcock). Die wunderbare Filmmusik driftet zwischen (wenig) östlicher Folklore, harmonischer Instrumentalmusik und schweren Trip Hop-Beats. Die Bildgestaltung bietet alles zwischen wackeliger Digitalkamera und filmischer Landschaftsmalerei.
Andere Film scheitern an einem solchen Übermaß an Ideen und Details, da sie es nicht schaffen, alle Einzelteile zu einem passenden Gesamtbild zusammenzufügen. Doch der Regisseurin Dusl gelingt diese Gratwanderung mit erstaunlicher Leichtigkeit.
Oft hat man den Eindruck, dass sie sich bei ihrer Arbeit einer Technik bedient, die in der Musik schon lange üblich ist, und die auch ausgiebig im Soundtrack von BLUE MOON angewandt wird. Es scheint, als ob Dusl sich filmische „Samples“ nimmt (etwa die an PANZERKREUZER POTEMKIN erinnernden Treppenszene), sie leicht variiert und dann über einen eigenen, durchgehenden Grundrhythmus zu etwas Neuem, Originären zusammenmischt. Entsprechend schwierig ist es, BLUE MOON irgendeinem Genre zuzuordnen.
Einen erheblichen Anteil am Gelingen dieses Films, haben auch die drei Hauptdarsteller, die als menschliche Alltagstypen ebenso glaubwürdig sind, wie als bigger-than-life Kinohelden.
Allen voran ist da Josef Hader als verliebter Melancholiker, der (wie bereits im Vorjahr mit KOMM SÜSSER TOD und DER ÜBERFALL) mit seiner erstaunlichen Leistung die Frage aufwirft, ob sein wahres Talent wirklich im Kabarett oder nicht vielmehr in der Schauspielerei liegt.
Erfreulich gut präsentiert sich auch Detlev Buck, der in seinen letzten Filmen (sowohl als Regisseur wie auch als Darsteller) eine verhängnisvolle Tendenz zur platten Überzeichnung an den Tag legte und der nun in der Rolle des listigen Ignaz Springer sowohl qualitativ als auch thematisch zu einem seiner besten Filme, der skurrilen West-Ost Reisen WIR KÖNNEN AUCH ANDERS, zurückkehrt.
Und schließlich ist da noch die (bei uns) bisher unbekannte Viktoria Malektorovych, die als kumpelhafte Taxifahrerin ebenso glaubhaft ist, wie als eleganten Schönheit oder als billiges Callgirl. Um ihr wieder zu begegnen, müssen wir hoffentlich nicht bis in Ukraine reisen oder auf den nächsten „Blauen Mond“ warten.

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