Dieser Roman ist – bezogen auf seinen Vorgänger – ein eigenständiges Werk, das zwar die Welt von „Der Talisman“ als vorausgesetzte „Landschaft“ mit eigener Topographie enthält, aber aus sich selbst heraus lebt. Stephen King und Peter Straub waren klug genug, Handlung und Bedingungen aus „Der Talisman“ als eine imaginäre Vorgeschichte zu behandeln, aus der sie gerade so viel erzählen, daß es zum Verständnis von „Das schwarze Haus“ ausreicht.
Allerdings versucht Stephen King in diesen Roman einige Welten aus seinen anderen Werken zu integrieren – vor allem aus dem Zyklus um den Dunklen Turm und aus „Hearts in Atlantis“ -, und das schadet dem Roman eher, als daß es ihm nutzt. Nein, es schafft eine zusätzliche Tiefe und Komplexität für alle die Leser, die mit Stephen Kings aktuelleren Romanen gut vertraut sind; die anderen freilich werden eher allein gelassen. Was bringt dagegen Peter Straub in „Das schwarze Haus“ ein? Ein wenig Hintergrund aus seinen Büchern (das ist sein gutes Recht) und – was wir noch sehr viel mehr schätzen – seinen besonderen Sinn für die finstere Poesie von Situationen und Orten. Die hat er Stephen King voraus; an dem wiederum lieben wir seine unvergleichliche Beobachtungsgabe für das Leben, Fühlen, Denken und Handeln der unauffällig normalen Menschen und seinen untrüglichen Sinn für die skurrilen Situationen im Leben.
Das schafft für „Das schwarze Haus“ einen beträchtlichen Mehrwert. Schon aus diesem Grund ist der Roman ästhetisch befriedigender als fast jedes Werk, das Stephen King in den letzten fünf, sechs Jahren veröffentlicht hat. Auch wenn die Handlung nur langsam in Gang kommt. Auch wenn die besondere Erzählperspektive (der allwissende Autor nimmt den Leser bei der Hand und durchwandert mit ihm gewissermaßen die Erzählung) gewöhnungsbedürftig ist. Auch wenn es sehr viele literarische Bezüge zur analogen Literatur des Neunzehnten Jahrhunderts eingebaut werden (Edgar Allan Poe, Wilkie Collins, Charles Dickens), die möglicherweise nur wenige Leser wirklich genießen können.
Was kein Gegenargument ist: man kann einem solide und wirklich berzeugend geschriebenem Werk nicht vorwerfen, da? es viele Räume und Zimmerfluchten und Seitenfl gel und Stockwerke bereit hält, die sich nur dem auftun, der den Schl ssel zu den T ren hat, die dorthin f hren. Denn so verhält es sich mit jeder Kunst.

Da? es in diesem Roman um einen Serientäter geht, der kleine Kinder umbringt, ist eine Sache. Da? Jack Sawyer inzwischen erwachsen geworden ist und als Polizist arbeitet, ist eine andere. Da? er diesen Fall aufklären soll, ist eine dritte. Alleine diese Geschichte enthält genug Stoff f r einen veritablen Krimi.
Nun spielt der Krimi aber in zwei verschiedenen Welten, deren Schnittstelle in einem geheimnisvollen Haus mitten im Wald liegt. Die Gegenwelt freilich, die wir aus „Der Talisman“ als „Die Region“ kennen, ist so abenteuerlich und grausam, da? unversehns aus dem Krimi ein Horrorroman wird.
Aber das ist noch nicht das Ende. Es gibt noch einen Zauber, der sich hinter der Spannung und dem Grauen auftut, und den kennen wir eigentlich nur aus besonders gelungenen Romanen wie Neil Gaimans „Sternenjäger“ (absolut empfehlenswert!), die wir gemeiniglich dem Genre Fantasy zuordnen – nicht, weil sie dorthin gehören, sondern weil es keine andere Schublade zu geben scheint. Es ist der Zauber einer verlorenen Unschuld in einer Welt, in der eigentlich alles mögliche geschehen kann und in der jeder Tag voller ?berraschungen steckt und voller Herausforderungen und Abenteuer.
Da? die beiden Autoren eine solche Welt haben schaffen können, ist, glaube ich, das Schönste an diesem aufregenden Buch. Langsam lesen! Auch 832 Seiten sind einmal zu Ende, und dann erwachen wir und reiben uns die Augen – und w nschen, wir könnten immer weiter und weiter träumen…

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