Es ist nicht leicht, den Inhalt eines Filmes von David Lynch wiederzugeben. Bei „Lost Highway“ ist es fast unmöglich. Es handelt sich eigentlich um 2 Teile, um 2 Schicksale, die am Ende wieder miteinander verbunden werden (oder auch nicht?). Auch diese Verbindung ergibt kein logisches Bild f r den Betrachter. Wie ein Puzzle, das am Ende doch nicht zusammen passt, obwohl es zusammengehört, präsentiert sich dieser Film.
Verstört lässt man den Kopf während des Abspanns zur Musik von David Bowie immer und wieder ablaufen…
Versucht man sich doch an einer Interpretation, so ist es am einfachsten, von einem schizophrenen Mörder (Fred Madison) auszugehen, der in Pete sein junges alter ego wiederfindet und sich seine Frau so ersinnt, wie er sie immer haben wollte: Betörend, verrucht, erotisch.
Patricia Arquette wiederum, die Darstellerin beider Charaktere, Rene und Alice, ging davon aus, dass Pete in Wahrheit nur in Freds Fantasie existiert, die letztlich zu Alpträumen ausarten und in der Ermordung des geheimnisumwitterten Dick Laurents gipfeln. Aber auch diese meiner Meinung durchaus logische Denkfolge f hrt zu keinem befriedigendem Ergebnis. Kann man ohne filmischen Beweis berhaupt davon ausgehen, dass Fred Madison seine Frau umgebracht hat? Wen soll der „Mystery Man“ verkörpern? Wodurch ist bewiesen, dass es sich bei Renee und Alice um ein und dieselbe Person handelt? Und wer um alles in der Welt ist Dick Laurent?
David Lynch himself gibt zu all diesen Fragen keine Antworten. Wahrscheinlich weiss er sie selbst nicht.

Wie in anderen Lynch-Filmen muss sich der Zuschauer auch in „Lost highway“ wohl von dem Gedanken lösen, einen Film verstehen zu m ssen. War es noch in der Fernsehserie „Twin Peaks“ so, dass bestimmte Geheimnisse im Laufe der Serie gel ftet wurden, so ging der Regisseur in „Twin Peaks-Der Film“ von diesem Weg ab und begab sich völlig auf eine metaphorische Ebene.
In „Lost highway“ verweigert er sich zudem fast zur Gänze dem narrativen System und schm ckt seine „Bilder“ nur mehr mit den typischen Lynchismen.


Das Böse, Dunkle, Unheimliche beherrscht den Film zur Gänze. Im Gegensatz etwa zu „Blue Velvet“ , bei dem Lynch noch die (scheinbar) perfekte, makellose Oberfläche den tiefen, finsteren Abgr nden gegen berstellt, befinden wir uns in „Lost highway“ von Anfang an unter der Oberfläche. Das Grauen ist gleichsam Alltag geworden. Die Wohnung der Madisons mit ihren langen, endlosen Gängen, ihren dunklen Räumen, kann als schwarze H tte von „Twin Peaks“ gesehen werden, in der das Böse zuhause ist. Ein brummender, unangenehmer Ton begleitet die Einstellungen im Haus der Madisons; der Zuschauer merkt, etwas Schlimmes wird passieren, etwas, das die Welt der Madisons aus dem Gleichgewicht bringt (sofern es hier ein solches berhaupt gibt). Auch die Szenen zwischen Pete und Alice spielen zu einem Gro?teil in der Dunkelheit oder der Nacht. Die brennende H tte legt den Vergleich mit der Hölle nahe.
Sein und Schein, Realität und Traum verschwimmen hier in einer Dimension, die weit ber die fr heren Werke Lynchs hinausgeht. Bereits im Traum wird Fred zu Reneés Mörder; auf dem letzten Videoband, das er erhält, sieht er den Mord an seiner Frau. Weiss Fred denn gar nicht, dass er Renée umgebracht hat?
Im Haus der Madisons sind berall Videokameras installiert, Sinnbild der ?berwachung, Sinnbild aber auch der Objektivität. Doch scheinen auch Kameras l gen zu können, denn vielleicht ist der Mord an Renée in Wahrheit gar nicht oder zumindest nicht auf diese Weise geschehen. Fred sagt ja selbst, „ich möchte die Dinge auf meine eigene Art erinnern“. Am Ende sehen wir Fred in seine eigene Gegensprechanlage sprechen: „Dick Laurent ist tot.“ Sind die Sequenzen in Freds Haus zu Beginn vielleicht alles nur Traum?
Fred, gleichsam die Weiterentwicklung des Henrys aus „Eraserhead“ und des Jeffreys aus „Blue Velvet „, ist die Verkörperung dieser aus ?berlappung der verschiedenen Ebenen resultierenden Verwirrung und Unsicherheit, die nicht nur Akteure, sondern auch den Zuschauer befällt.
Lynch spielt in Teil I mit Raum, Ton und Licht. Draussen weisse Häuser, gleissend im Licht der grellen Sonne, drinnen die d stere, nur von Lichtflackern durchzogene Wohnung der Madisons, die einem kafkaähnlichen Schloss gleicht. Langsame Kameraeinstellungen, die meist in sekundenlangen Totalen verharrt, nur angetrieben durch die d stere Musik Badalamentis .

Konkreter der zweite Teil. Das Tempo der Schnitte und der Kamerafahrten, das in den ersten 50 Minuten teilweise schon zum Stillstand gekommen ist, wird rascher. Auch die Handlung beginnt sich schneller zu entwickeln. Pete – die j ngere Version von Fred, ein typischer Kleinkrimineller, wie er oft bei Lynch vorkommt – begegnet dem Bösewicht Mr. Eddy, Pendant zu Frank Booth in „Blue Velvet“ – glänzend dargestellt von Robert Loggia. Es stellt sich heraus, dass er es ist, der sich hinter dem Schicksal von Renée und Alice verbirgt. Alice/Renée hat ihn damals ber Andy kennengelernt und wurde von Andy an ihn vermittelt. Mr Eddy ist Pornohändler, der Verdacht liegt nahe, dass er auch mit Mädchen handelt – nicht zuletzt, weil er Alice/Renée in seine Gewalt und Abhängigkeit bringt. Wie Laura Palmers Vater Leland scheint auch er von bösen Geistern, die er nicht loswerden kann, besessen zu sein. Die Ereignisse nehmen ihren Lauf, als auch Pete, wie Fred einen Mord begeht – an Andy, dessen Kopf zur Musik von Rammstein auf der Tischplatte aufschlägt. Nun kann er nur mehr fl chten, es ist eine Flucht vor der Wirklichkeit.

Der „Mystery Man“, dieser unheimliche bleiche Zwerg, stellt gewisserma?en das (missing) link zwischen Teil I und Teil II, zwischen Renée und Alice, zwischen Fred und Pete dar: Fred sieht ihn das erste Mal auf der Party von Andy, eines Freundes von Renée, als er ihn mit der Bemerkung verschreckt, er sei gerade jetzt in Freds Haus und das auch noch beweisen kann. Später wird er immer dort auftauchen, wo ein Leben ausgelöscht wird, doch das weiss Fred noch nicht. Als er Andy fragt, wer denn dieser Mann sei, antwortet ihm dieser nur: „Vielleicht ein Freund von Dick Laurent.“
In Teil II erfahren wir, fast beiläufig, dass Mister Eddys Nachname Laurent ist. Jener, den Fred am Ende mit Hilfe des „Mystery Man“ umbringen soll. Als Mr Eddy bereits hinter das Verhältnis zwischen Pete und Alice gekommen ist, ruft er Pete an und verbindet ihn mit einem „Freund“, wie er sagt: Es ist wieder der „Mystery Man“, der ihm diesmal mit dem Tod droht.
Bei der brennenden H tte, als sich Pete wieder in Fred verwandelt, fragt dieser: „Wo ist Alice?“ Der „Mystery Man“ antwortet ihm, dass es keine Alice, sondern nur eine Renée gebe (ein Zeichen f r die – nicht nur körperliche – Identität der beiden Frauen).
Beim Showdown im „Lost highway hotel“ schlie?lich tötet Fred Mr Eddy, der eben noch mit seiner Frau geschlafen hat – mit Hilfe des „Mystery Man“. Bis Fred am Ende die Todesnachricht selber an der T rglocke berbringt.
Der Kreis schlie?t sich gewisserma?en. Der „Mystery Man“ kann gleichsam auch als Widerspiegelung des ganzen Filmes gesehen werden: Der ständige Kampf zwischen Gut und Böse, der in Lynchs Filmen nie entschieden wird.

„Lost highway“ ist wie eine nicht endend wollende Fahrt mit der Achterbahn. Loopings, Kurven, rasant und langsam zugleich. Danach wei? man nicht mehr, wo Anfang und Ende ist, was Wirklichkeit und was Traum ist.
Zum Schluss des Films sieht man wieder die scheinbar endlosen gelben Streifen auf dem Highway vorbeiziehen. Es gibt kein Vorwärts, aber auch kein Zur ck.

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