Das Sehen wird von vielen Menschen auf dieser Welt als ein selbstverständliches Geschenk angesehen. Oft vergisst man dabei allerdings, dass dieser Sinn, der zum alltäglichen Leben gehört, nicht alltäglich ist. Die Erfahrung, nicht zu Sehen (allerdings nur für wenige Stunden), bietet die Ausstellung „Dialog im Dunkeln“.

In völlig abgedunkelten Räumen führen blinde Menschen das Publikum in kleinen Gruppen durch eine Ausstellung. Aus Düften, Winden, Temperaturen, Tönen und Texturen wird ein Park, eine Stadt oder eine Bar gestaltet. Alltagssituationen, die ohne Augenschein eine völlig neue Erlebnisqualität erhalten. Ein Rollentausch findet statt: Sehende Menschen werden herausgelöst aus sozialer Routine und gewohnte Rezeption. Blinde Menschen sichern Orientierung und Mobilität und werden zu Botschaftern einer Kultur ohne Bilder. Die Wirkung ist Beachtlich: „Dialog im Dunkel“ tourt seit Jahren durch die Lande und wurde bisher in siebzehn Ländern Europas, Asiens und Amerika präsentiert.

Am 10. März wurde ich dann von meiner Freundin Sabine zu „Dialog im Dunkeln“ in der Wiener Stadthalle eingeladen.

Schon am Anfang war es ein seltsames Gefühl. Dunkelheit an sich ist nichts Ungewöhnliches. In der Nacht, in einem dunklen Zimmer, immer wieder bemerkt man das Fehlen von Licht, es gehört zum alltäglichen Leben. Wird man allerdings schlagartig ins kalte Wasser geworfen und in einen stockdunklen Gang geführt, wo nach wenigen Schritten der blasse Schein des Lichts schwindet, und es keinen Unterschied mehr macht, ob man die Augen geschlossen oder geöffnet hat, ist es eine fast beängstigendes Gefühl.
Schnell bemerkt man, wie abhängig man vom „Sehen“ ist, wenn man langsam, zögernd dem Vorhergehenden folgt, die Hände unsicher an der Wand um sich zu stützen und um mögliche Hindernisse früh zu erkennen.
Ich weiß nicht, ob es den anderen auch so gegangen ist, aber die erste halbe Stunde hatte ich extreme Gleichgewichtsprobleme. Ich wusste nicht, ob ich gerade stehe, oder ob ich jeden Augenblick umkippe. Da ja eigentlich das Ohr, bzw. die kleinen Organe im Ohr für den Gleichgewichtssinn zuständig sind, ist es nicht verwunderlich, das man durch den plötzlichen Verlust eines Sinns die anderen auf einmal viel mehr beansprucht.
So war es auch bei der Wanderung durch die unsichtbare Landschaft. Durch Tasten, Hören und Schmecken musste man sich eine komplett neue Realität schaffen.

Ein alter Meister hat einmal gesagt: „Die Wahrnehmung bestimmt die Realität“. Im Zusammenhang mit dieser temporären Blindheit, gewinnt man eine komplett neue Vorstellung seiner Umgebung, die Wahrnehmung verändert sich schnell.
Die Art und Weise Reize zu empfangen kann zwar in dieser Situation nicht mit einem blind geborenen Menschen verglichen werden, da hier ber einen langen Zeitraum die eigene Wahrnehmung gebildet wird, allerdings konnte man sich ein wages Bild (schon seltsam, auch in der Sprache Visuelle Ausdrucksformen zu verwenden) formen, welche Wege das Leben ohne Augenlicht nehmen kann.

Nach ca. einer Stunde erreichten wir die so genannte „Dunkel Bar“. Neben dem zu Recht finden in einer komplett dunklen Welt, das zuordnen von Eindrücken zu einer möglichen Umgebung, kam nun die Benutzung von alltäglichen Werkzeugen dazu. Ein Glas, mit Getränk, bestellen und trinken, dabei nichts umstoßen und zugleich die Art des Getränks analysieren ist eine spannende Sache.
Kommt dann ein komplettes Men ü als Abendessen hinzu wird das ganze eine ganz schöne Patzerei.

Das Nicht-Sehen erfordert ein komplettes Umdenken was Berührungsängste, Offenheit und Kommunikation angeht. Ohne mit seinen Mitmenschen zu sprechen, kommt man nicht weit. Das Austauschen von Eindrücken, das gegenseitige Zusprechen, Stützen und Führen ist ein wichtiger, nein, grundlegender Bestandteil in solch einer Umgebung.
Diese Umstände in Zusammenhang mit einem 3 gängigen Menü wo keiner genau wusste, was er bekommt war sehr interessant.
Wo bisher das Auge mitgegessen hatte, musste man sich nun erneut komplett auf den Tast- und Geschmackssinn verlassen. Spannend ist es Konsistenz und Geschmack zu verbinden und sich im Geiste auszumalen, um was es sich handelt.

Grenzen werden aufgelöst, neue Bereiche werden erforscht und man lernt, dass Wahrnehmung kein Alltäglich Ding ist. Diese 4 Stunden absolute Dunkelheit waren eine sehr spannende Erfahrung für mich, die ich nicht missen möchte, habe ich doch sehr viel gelernt. Eine neue „Sicht“weise kennen gelernt, alte Vorurteile ber den Haufen geworfen und am Schluss war es das Licht am Ende des Tunnels.

Ich lege jedem, der die Möglichkeit hat, nahe, diese Ausstellung zu besuchen. Es ist ein unbeschreibliches Erlebnis…

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