„Ass to ass“ schreien sie, aufgew hlt, die blanke Begierde, fast schon Schaum vor dem Mund. „Ass to ass“, zu Hunderten verfallen sie in den Chor einer ewigen Wiederholung. Alte, verbrauchte, aber reiche Männer, mit dicken Ringen an und Dollarnoten in der Hand. Auf einer kleinen B hne in der Mitte des Raumes, in ihrer greifbaren Nähe, zwei nackte Frauen, die jetzt fortfahren sich gegenseitig zu befriedigen. Ass to ass. Eine der Beiden hei?t Marion, Marion Silver, vor ein paar Szenen wollte sie noch Modedesignerin sein, zusammen mit ihrem Freund schmiedete sie in der h bschen gemeinsamen Wohnung Pläne f r die Zukunft. Sie ist eine Schönheit, vielleicht das Mädchen von dem wir geträumt haben, vielleicht das Mädchen, dass wir hätten sein wollen. Und jetzt endet sie in einem Plateau des Ekels, der Magen dreht sich um beim Zuschauen. Auf allen vieren stellt sie sich zur Schau und ist dabei so stoned, dass sie noch Spa? an ihrem Auftritt zu haben scheint. Später, in ihrem Apartment, wird sie die Drogen, die sie f r den Fick bekommen hat, an ihr Herz legen, wie ihr kleines Baby, friedlich einschlafen im Wissen um den nächsten Fix.

Man braucht Nerven f r diesen Film. REQUIEM FOR A DREAM. Ein Film reiner Intensität, den man nicht mehr vergessen kann. Pure Energie, Zerstörungswut, Raserei. Marions Freund Harry, unsere Hauptfigur, die alles, inklusive Marion, ins Nichts rei?t, beginnt als kleiner Dealer, findet Gefallen am Heroin und spritzt es sich so lange in die Vene bis der Arm blau anläuft. Wir sehen in Gro?aufnahme das Netzwerk abgestorbener Adern, das verfaulte Fleisch. Sein letztes Telefonat gilt Marion, die er doch immer noch geliebt hat (und doch nie so sehr wie den Tod). Das Bild beginnt sehr gro?, Junge und Mädchen, die sich Treue schwören, ja, ich werde heute Nacht nach Hause kommen. Bis die Einstellungen totaler werden und wir verstehen, dass er im Knast sitzt und heute nirgends mehr hingehen wird. Sie hat sowieso alle Hoffnung längst aufgegeben, hält sich an sich selbst. Ass to ass. Und dennoch, die Träume bleiben vielleicht noch ein bisschen wahr, solange sie nicht durch Worte zerstört werden. Harrys Freund Tyrone, der coole Schwarze, ein bisschen DJ, ein bisschen Kleinkrimineller, liegt in seiner letzten Szene in der Zelle und w nscht sich zur ck nach seiner Kindheit, in die Arme seiner Mutter. A friend in need is a friend indeed. Harrys Mutter hat zu diesem Zeitpunkt ihr psychotisches Endstadium erreicht, der K hlschrank ist in den letzten Tagen reichlich aggressiv auf sie losgegangen und jetzt zappen sich die Stars ihrer liebsten TV-Show direkt neben ihrer Fernsehsessel. Sara, was warst du doch f r eine nette alte Lady. Der Knackpunkt war die Einladung, die sie vor einigen Wochen bekommen hat. Einmal d rfe sie im Fernsehen live auftreten. Das rote Kleid, das ihr schon zu lange nicht mehr passt, soll es sein, wenn sie TV-Geschichten schreibt. Gegen das ?bergewicht kann an dieser Stelle nur noch der chemische Hunger helfen. Blau, gr n, lila liegen die Z gler Tag f r Tag vor ihr, morgens, mittags, abends, nachts. Aus einer fixen Idee wird Obsession und irgendwann ist alles zu spät. Schmutzig, irre, abgemagert, verkrustet taucht sie im Fernsehstudio auf, ihren wirren Wunsch immer auf den Lippen, einmal im Fernsehen zu sagen, wie stolz sie doch auf ihren Sohn ist. Dann verbrennt sie einfach in der K hle der B ros, der Klinik.


REQUIEM FOR A DREAM bohrt sich wie eine Spirale ins Gehirn, ins Fleisch. Die Figuren fangen an wie die coolen Killer, Ganoven bei Guy Ritchie, Quentin Tarantino. Sie haben immer einen Spruch auf den Lippen, sind den anderen immer ein St ck voraus. Aber Aronofsky geht den Weg in den Abgrund bis ganz ans Ende und dann immer weiter und weiter. Ein Feldversuch nach der Frage ob Figuren, die man nur lange genug fallen lässt, den Boden durchschlagen können. Vielleicht ist er ein Perverser, vielleicht einfach einer, der seine Sache ernst nimmt. Der Film als Monster, bildsprachlich, dramaturgisch eloquent, wie man es selten bestaunen durfte. Alles geht in den Exzess, das Delirium, die Angst, den Sex.

Dabei gibt es unglaublich zärtliche Szenen, Tempiwechsel. Tyrone mit seiner Freundin im Bett, beide nackt, die Kamera steigt zur Decke auf, ruhig und unaufdringlich. Liebe. Harry, der sich wieder mehr um seine Mutter k mmern will, sie besucht und ihr ein neues TV-Set schenkt. Er und Marion in einer idyllischen Weiten, Felsbrocken z ngeln sich friedlich ins Meer hinein, gegen den blauen Himmel sitzen die Figuren in vertrautem Gespräch. Diese Szenen bilden Ruheplateaus, Stellen an denen sich der Zuschauer einfinden kann in die Welt auf der Leinwand. Doch irgendwann treibt sich der Film in die Raserei, die schwärzeste Dunkelheit. St ck f r St ck. Marion und Harry im Bett, eigentlich liegen die Beiden nur wenige Zentimeter voneinander entfernt, aber Aronofsky zieht eine Split-Screen ein, das Bild in der Mitte geteilt, in naher Ferne so weit. Man sollte sich auf die traute Zweisamkeit nicht verlassen. Harry braucht Geld und Marion geht zu ihrem ersten Job, bei dem sie ihren Körper verkauft. Als sie nach Hause kommt scheint alles wie gewohnt, sie setzt sich einfach neben ihn auf die Coach. Und doch ist alles anders, keine Blicke, keine Gesten der Zärtlichkeit, die ersten Bilder des sich materialisierenden Absturzes. Wo im Off immer noch die s sslich-romantische, alles veredelnde Musik von Clint Mansell zu hören ist, die dem Elend noch einmal einen Körper mehr gibt, den Schmerz fassbar macht, als wäre er ein alter Freund. Ein alles durchdringender Geschmack des Verfalls, den man noch Tage später auf den Lippen f hlen kann. Seit Delerues Thema f r Godards LE MÉPRIS d rfte es keinen exakteren, intensiveren, melancholischeren Score mehr gegeben haben. Zwei Takte der „Summer Overture“ und man ist zur ck in der Welt des Films.

Der Untergang unserer zentralen Figuren läuft zusammen in einer Parallelmontage, die eigentlich das zentrifugalste Stilmittel des amerikanischen Kinos ist, der Schlussakkord, in den am Ende die Bruchst cke wieder auf einen gemeinsamen Nenner zur ckgef hrt werden sollen, die Elemente im einheitlichen Organismus zusammenflie?en, die verlorenen Verbindungen wiederhergestellt werden. P.T. Anderson ist heute vielleicht der klarste Vertreter der „alten“ amerikanischen Schule. Sowohl MAGNOLIA als auch BOOGIE NIGHTS waren bestimmt von den nicht enden wollenden Plansequenzen, immer einer Figur hinterher (Little Bill in BOOGIE NIGHTS, als er zuerst seine Frau, ihren Lover und schlie?lich sich selbst erschie?t), die im Ensemble nach Gr nden sucht, Motiven, kausalen Bez gen, Psychologie. Die gro?e Analyse der Gruppe, der Gesellschaft. Aronofsky treibt alles auseinander, Einstellung um Einstellung, zentripetal schie?en die Handlungsstränge auseinander und der einzige Nenner, der noch zu f hlen ist, ist der Ekel, der Schmerz, der Tod. Jared Leto spielt den Protagonisten Harry und hier wie in Finchers FIGHT CLUB ist er der Engel und das Omen des existenziellen Verlustes. Edward Norton zerbrach bei Fincher sein Angel-Face und REQUIEM FOR A DREAM scheint dessen Worte „Ich musste einfach etwas Schönes kaputtmachen“ noch einmal in die Tat umsetzen zu wollen. Ohne die romantischen, romantisierenden Motive, die bei Fincher noch ab und an zu sp ren sind. Der masochistische Exzess wird hier auf die Spitze getrieben, Kino vielleicht im Sinne de Sades, Sacher-Masochs, Batailles. Zerst ckelungen. Wie in PI, Aronofskys letztem Film, wird der tatsächliche Drogenkonsum in Singularitäten, die kleinstmöglichen Bewegungszeichen, (Löffel, Spritze, Vene, Pupille) zerlegt. Von „Dekonstruktion“ zu sprechen w rde die ganze Sache nur unnötig intellektualisieren. Alles ist Fieber, Sterben, F hlen. Der berstende Blick auf Figuren, die sich erst langsam und dann immer schneller auflösen, verschwinden im eigenen Ekel. Aber wozu braucht man schon Figuren, wenn man den Affekt hat? Die Bilder verfremdet in jeder Sekunde und dennoch trifft der Film die Realität besser als es der Realismus im Kino könnte. „Perfect Film“ war in den Kritiken immer wieder zu lesen und das zu Recht. Mehr davon.

Mit freundlicher Genehmigung von: André Grzeszyk

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