Die dunkle Seite der Idylle:

Twin Peaks ist eine kleine amerikanische Stadt in den Bergen, nahe der Grenze zu Kanada. Wenn man die Zufahrtsstra?e durch den Wald nimmt, wird man von einem Ortsschild begr ?t, das zwei schneebedeckte Bergspitzen zeigt und neben dem Willkommensgru? die Einwohnerzahl vermeldet: population 51.201. Wenn der Special Agent des FBI, Dale Cooper, nach Twin Peaks kommt, wei? er schon, da? die Einwohnerzahl nicht mehr stimmt. Bevor er sich aber an die Arbeit macht, genie?t er die Landschaft mit ihren wunderschönen Bäumen und spricht seine Eindr cke wie später noch so oft seiner abwesenden Sekretärin Diana ins Diktaphon. Dale Cooper wird sich in Twin Peaks verlieben; nirgendwo anders, so scheint ihm, schmeckt der Kaffee so gut und gibt es so viele gute Kuchen. Dale Cooper ist sentimental, ohne kitschig zu sein; er kommt aus der Gro?stadt und Verbrechen sind sein Job. Er wei?, da? man Rätsel mit Intellekt und Intuition löst; er bevorzugt moderne Methoden und hält doch auch Träume f r wertvolle Ratgeber. „Mein Traum ist ein Code“, sagt er, „knack den Code und klär das Verbrechen auf.“ Das Verbrechen wurde begangen an Laura Palmer, einer 17jährigen Sch lerin, die in eine Plastikplane geh llt tot aufgefunden wird, und nun treibt die Suche Dale Coopers nach dem Mörder die Geschichte voran. Schritt f r Schritt löst er dabei ebensoviele Rätsel wie er neue findet, währenddessen die Tote immer lebendiger wird. So viele Seiten sie als Bild gewinnt – von der erstarrten Leiche wird sie zum tanzenden Mädchen auf Videofilm, und beides hat kaum zu tun mit dem Foto in der elterlichen Wohnung-, so viele Seiten zeigt sie auch als Person: entgegen aller Erwartung hinterlä?t sie mehrere Liebhaber, viel zu viel Geld und Kokain. So sehr befa?t sich Cooper mit seinem Fall, da? er von Laura Palmer träumt. Sie k ?t ihn, der 25 Jahre älter geworden ist, und fl stert ihm den Namen des Mörders ins Ohr. Da er ihn aber am nächten Morgen vergessen hat, geht die Suche weiter.

Gier als Triebkraft:
„Twin Peaks“ ist eine Fernsehserie; als Serie ist sie wie alle anderen, und ist es auch wieder nicht. Zwar besteht auch sie aus einem 90min tigen Pilotfilm und vielen 45min tigen Folgen, zwar gehorcht auch sie jener Dramaturgie der kleinsten Handlungseinheiten, in der die Werbespots bereits hineingedacht sind, und nat rlich hält auch sie in jeder Folge ein spezielles Rätsel bereit, um dessen Lösung willen man die nächste Folge wiedersehen will, doch David Lynch, der zusammen mit Mark Frost das Drehbuch schrieb und zumindest den Pilotfilm auch selbst inszenierte, wäre nicht David Lynch, gäbe er dem Strukturkorsett einer Serie nicht seine eigene Prägung: die Welt der Kleinstadt-Idylle, die Schreckliches verbirgt, die faszinierend dunkle Seite b rgerlich wohlanständiger Existenz, die erst auffällt, wenn es zum Verbrechen kommt, die Gier (nach Verwandlung, nach Sex, nach Geld, nach Rache) als Treibkraft menschlichen Handelns und die romantische Liebe, die sich den Kinderblick wahrend vor all dem sch tzen und retten mu? – dies sind nach „Eraserhead“, „Blue Velvet“ und „Wild at Heart“ wiedererkennbare Topoi in den Geschichten des David Lynch. „Twin Peaks“ verbreitert und verzweigt eine solche Geschichte wie einen Fortsetzungsroman und bleibt doch ein Film, der das Fernsehen f r seine Zwecke nutzt, ohne sich ihm auszuliefern. Lynch spinnt seine Obsessionen weiter und bevölkert seine Welt mit den bekannten Figuren des unschuldig schuldigen Helden, der zum Albtraum verf hrenden Frau und der hysterischen Mutter einer Tochter; er arbeitet mit vertrauten Schauspielern wie Kyle MacLachlan („Blue Velvet“ und „Dune“) oder Jack Nance („Eraserhead“), und wieder einmal hat Angelo Badalamenti (nach „Blue Velvet“ und „Wild at Heart“) den Soundtrack komponiert. Auch wenn in Amerika nach einem furiosen Start der Serie im April 1990 das Publikumsinteresse von 33 auf 10 Prozentgesunken ist (und mit ihm die Meinung der Kritiker), d rfte es sich hierbei doch eher um eine Normalisierung nach aufgeputschten Medienkampagnen handeln, als da? man darin einen wirklichen Qualitätsverlust der Serie selbst zu sehen hätte. Denn „Twin Peaks“ unterscheidet sich in vielem wohltuend von den Nichtigkeiten aus Dallas, Denver und dem Schwarzwald: in den Dialogen, in den Bildern, in einigen raffinierten Schnitten und vor allem in den Figuren. Lynch charakterisiert seine Figuren nämlich nicht dadurch, da? er sie ber sich sprechen lä?t, sondern durch die Äu?erlichkeiten körperlicher Ticks, den Gebrauch bestimmter Dinge und die Reaktionen der anderen Figuren. Er legt falsche Spuren und stellt Fragen, die nicht unbedingt beantwortet werden. Warum weint der Hilfssheriff Andy beim Anblick der Toten? Warum tritt Doktor Jacoby mit Ohrenstöpseln auf? Warum zetert die Ehefrau des Tankwarts Ed ber aufzuhängende Gardinen und trägt eine Augenklappe? Warum läuft Audrey Hornes Bruder mit Indianerkopfschmuck herum? Warum hat Lauras Vater einen Tanzfimmel? Lynchs Strategie der Veräu?erlichung ist nicht nur filmisch beredt, sie ist auch spannend, weil die Figuren nicht so leicht zu durchschauen sind. Wo man in der dritten Folge einer jeden Serie die Personen bereits als gut oder böse identifiziert hat und auf das Wiedererkennen des Immergleichen vertraut, zieht man hier Schl sse, nur um sich im nächsten Moment in die Irre gef hrt zu sehen.

Spiel mit Fantasie:
Jede Figur und jede Handlung gewinnt dadurch einen ?berschu? an Sinn, und nichts bleibt, wie es zunächst schien. In „Twin Peaks“ geht es zu wie in einem Fantasy-Spiel: nach Regeln zwar, doch auch mit kindlicher Fantasie, die sich um eine realitätsgerechte Wahrnehmung von Detail und Logik nicht k mmert. Niemand käme wohl gleich auf die Idee, da? Eds Frau Nadine nicht nur meckert, weil Ed vergessen hat, ihr die Gardinen aufzuhängen, sondern weil sie völlig besessen ist von der Idee, die geräuschlose Gardinenstange zu erfinden. Man hält ihre Ehe f r ungl cklich, weil Ed ein Verhältnis mit der Besitzerin des coffee shop hat und ist dann wieder verwundert ber die Liebeserklärung Nadines, nachdem ihr die Erfindung endlich gl ckt. Man erwartet, da? der örtliche Sheriff nat rlich m rrisch reagiert, wenn der FBI-Agent ihm die Kompetenzen kappt, doch stattdessen trägt er ihm die geliebten Doughnuts zu. Man erwartet, da? der korrekte Cooper nur der Erfahrung vertraut und mu? zur Kenntnis nehmen, da? die Lekt re des Dalai Lama ihn ach den Zufall nutzen lehrte. Wie die wirklichen Empiriker aussehen, zeigt Lynch später. Das geschickte Spiel mit den Erwartungen, die aufgebaut und nicht bedient werden, beruht auf dem, was man sehen und wissen kann und dem, was nur Vermutung bleibt. Den Nachforschungen Dale Coopers ist man jedenfalls in vielem voraus. Man wei?, da? Sheriff Truman ein Verhältnis mit der Sägewerksbesitzerin hat und da? diese vermutlich von der Schwägerin betrogen wird, Dale Cooper wei? es nicht. Und während er sich noch bem ht, den Fall schnell und effektiv zu lösen, wei? man schon, da? er bald verstrickt sein wird. Denn das Geheimnis von „Twin Peaks“ ist nur vordergr ndig identisch mit dem Geheimnis des Mordes an Laura Palmer. Das Geheimnis von „Twin Peaks“ ist das Geheimnis jedes seiner Bewohner und die Kleinstadt nur ein Abbild der gro?en Welt. Die Filme von David Lynch handeln immer von der Versuchung des Kleinb rgers, der bleiben will, was er ist, und der getrieben wird, die andere Seite auch zu sehen. Insofern wird die Suche Dale Coopers bestimmt ein Ergebnis haben.

gefunden auf http://www.davidlynch.de

Eigene Meinung:

Joa… Ich muss sagen, Twin Peaks, die Serie, ist das beste was ich jemals an einer TV Produktion gesehen habe. Wem die ersten beiden Staffeln von Akte X gefallen hat, der wird Twin Peaks lieben.
Skuril, witzig, geheimnisvoll und einzigartig sind wohl die besten Wörter die f r diese Serie zutreffend sind. Ganz im Stil der Filme von David Lynch gehalten, präsentiert sich die kleine Stadt Twin Peaks, nahe der Kanadischen Grenze, als oberflächlich nette, saubere und ordentliche Stadt. Begibt man sich allerdings unter die Oberfläche der tr gerischen Idylle so findet man sich schnell in einem schmutzigen Sumpf aus Intriegen, Verrat, Drogen, Gewalt und Sex wieder.

Auf jeden Fall bekommt die Serie 10 von 5 Punkten und einen Eintrag in „Emus Kult Sachen Liste“.

very lynchy, very lynchy…

Emu

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