Die Geschichte des Grauens. Oder, warum ich ewig nicht zum Zahnarzt gegangen bin. Vorsicht! Diese Geschichte ist Wahr und sollte nicht von Leuten gelesen werden, die schon so eine Angst vorm Zahnarzt haben. Nur als kleine Warnung…

Es begab sich vor fast 7 Jahren, irgendwann im Sommer. Ich war mit einem Kollegen unterwegs, eine unserer unzähligen Kino Abende, an deren Ende wir immer irgendwo mit der Playstation versumpften und am nächsten Tag müde in die Arbeit wanderten.
An jenem Abend stellte sich ein leichtes Zahnschmerz Gefühl rechts unten ein. Nicht wirklich schlimm, aber es war da. Nichts, was mit einem kleinen Schnaps wieder besser werden würde, dachte ich mir. Nun, im Laufe der langen Nacht begann ich leicht zu fiebern, die Nase rann, ich bekam schwer Luft. Was mir ein wirkliches Grauen ist. Wenn ich nicht frei atmen kann. Keine Ahnung, ich bekomm da ein leichtes Beklemmungsgefühl. Das Fieber wurde irgendwie immer stärker und ein pulsierender Schmerz setzte ein. Fieber, Schmerzen und eine rinnende Nase: Die Nacht war gelaufen. Ich wälzte mich in, wälzte mich her… Wenn es 30 Minuten Schlaf an diesem Abend waren, war es viel.

Gut, am nächsten Tag bin ich dann relativ betäubt in die Arbeit gefahren, hab den Tag relativ gut überstanden, die Schmerzen hatten aufgehört, es ging mir wieder richtig gut. Der Gedanke, zum Zahnarzt zu gehen kam mir nicht im Geringsten. Solche Nerven Irritationen kennt man ja. Am Abend ging es dann heim, ins weit entfernte Dorf Obsteig, wo ich mit meiner Familie und einem bekannten Ganzheitsmediziner noch etwas Essen ging. Zu diesem Zeitpunkt begann es.
Schmerzwellen, die durch meinen ganzen Schädel zu laufen schienen. Wellen, die nur mit einem kalten Schluck Wasser zu bekämpfen waren. Zuerst im 20 Minuten Takt, immer einen kalten Schluck nach. Der Abend war lang, die Schmerzwellen kamen in immer kürzeren Abständen. Ich war schon sehr müde. In der Nacht zuvor keinen Schlaf, zu diesem Zeitpunkt war es ca. 23:00 Uhr. Die Wellen kamen nun im 5 Minuten Takt. Auf meine Frage hin, was ich denn da machen könne, meinte der befreundete Arzt: „Schnaps mit Aspirin. In rauen Mengen“. Ich dachte mir, gut, wenn das ein Arzt meinte, wird das schon passen. Mir wars eigentlich egal, ich wollte nur noch schlafen. Gesagt getan. Sliwowitz, 2 Stamperln und 5 Aspirin. Nichts. Ich fühlte gar nichts. Nur den Zahn, der nun im 2 Minuten Takt jaulte und mein Gehirn samt Nervenbahnen geißelte. Und immer half nur ein kleiner Schluck kalten Wassers.

Resignierend gab ich meinen Versuch auf, den Schmerzen Herr zu werden, da auch nach 3 weiteren Stamperln nur trockene Nüchternheit in meinem Gehirn herrschte. Ich suchte irgendwann das Bett auf, eine Wasserflasche im Mundwinkel, immer wieder kleine Schlucke trinkend.
Der Natur des Menschen folgend machte sich da aber leider immer wieder die Blase bemerkbar. Immer wieder aufstehen, Klo, hinlegen, Schlafen versuchen. Nichts, nada. Um 2:00 Uhr in der Früh schien ich dann einzuschlafen. Nur, die volle Wasserflasche kippte um, Polster nass, Bett nass, Nerven blank. Das war der erste Augenblick, wo ich Auszuckte. So richtig. Polster flog durchs Zimmer, ich lief wütend herum, müde, ko, von extremen Schmerzen geplagt und der Kreislauf im Keller. Fuck war das Wort, das am öftesten ber meine Lippen troff. Irgendwann beruhigte ich mich wieder, suchte wieder das Bett auf, versuchte es wieder: Nichts, nada, die Schmerzwellen kamen nun im 20 Sekunden abstand… Die Hölle dachte ich mir, ist Abwesenheit von Vernunft. Und in diesem Augenblickwar nichts mehr Vern nftig in mir. Nur noch nebulöses Delirium.

Um 4:30 Uhr in der Früh ging ich dann ein Stockwerk tiefer, zur Wohnung meiner Mutter und bat sie, mir den Notarzt zu holen, oder mich ins Krankenhaus zu fahren, irgendwas zu machen. Ich hielt es nicht mehr aus… Konnte nicht mehr denken, nichts mehr. Nur noch trinken, schlucken, trinken, schlucken. Kaltes Wasser war zu meinem einigen Gedanken geworden. Der nächste Schluck beruhigt die Schmerzen für 10 Sekunden. Diese 10 Sekunden waren … erfüllt vom nächsten Gedanken an den Schluck Wasser.
Schlucken, Wasser, Schlucken, Wasser, Pissen, Schlucken, Wasser.
Meine Mutter meinte daraufhin beinhart zu mir: Ich soll sie doch weiterschlafen lassen, der erste Bus nach Innsbruck fahre in 90 Minuten, das könne ich doch noch erwarten und ging wieder schlafen.
Ich starrte ihr ungläubig nach, schluckte Wasser und musste ihr zugleich auch recht geben. Ein Gedankengang, der mich heute noch wundert. Das ich den, in diesem Zustand fassen konnte.

Wie auch immer, ich brachte die Zeit herum. Schlaf war ein Wort geworden, ein Begriff, den ich nicht mehr erfassen konnte. Um 6:00 Uhr in der Früh ging der erste Bus dann. Es war herrlich kalt (-7 Grad) draußen, etwas, das meinem Zahn gut zu tun schien. Ich stieg in den Bus ein, bei mir meine Flasche Wasser. Halb dösend, halb wachend merkte ich, wie wir in Telfs einfuhren, in etwa die Hälfte der Strecke. Merkte wie alle Leute aussteigen, merkte, wie der Bus eine andere Richtung einschlug, als sonst, merkte, wie er auf die Autobahn auffuhr. In die andere Richtung!
Ich tigerte vor zum Fahrer und erfuhr, das der erste Bus nur die Hälfte der Strecke befuhr und man in Telfs umsteigen musste. Er lies mich zum Glück noch auf der Autobahnauffahrt raus und ich rannte / taumelte zurück in die Stadt zur Bushaltestelle.
FUCK! Um 7 Minuten verpasst. Der nächste kam erst in 30 Minuten. Das war der Punkt, wo ich meinen zweiten Nervenkoller hatte. Ich tobte herum wie ein Wahnsinniger, die Temperatur, die zuvor angenehm erschien, fraß sich immer mehr in mein innerstes und mir war Schweinekalt. Keine Ahnung, wie ich diese Zeit überstanden habe, schließlich kam der Bus und ich fand mich irgendwann, so um 7:45 Uhr in Innsbruck vor der Zahnambulanz wieder. Schaute auf die Öffnungszeiten. 9:00 Uhr.

Spielt heute die ganze Welt gegen mich? Dachte ich. Es fühlte sich so an. Schrecklich. Also, ab zur Oma, wo ich erstmals in die Badewanne stieg um meinen durchfrorenen Körper wieder aufzupäppeln. Die Schmerzen hatten etwas nachgelassen und ich entschied mich zu meinem Zahnarzt zu gehen und nicht zur Zahnambulanz, da ich diesen Arzt schon lange kannte.
Dort angekommen schilderte ich das ganze Geschehen. Nuschelte ich mehr. Er schaute sich alles an und meinte, die Schmerzen würden vom oberen Zahn herunter strahlen. Gut, du wirst es schon wissen, schließlich bist du der „Herr Doktor“. Er bohrte etwas herum und verschrieb mir dann noch Schmerztabletten, die ich für den Fall nehmen sollte, das die Schmerzen wieder einsetzten. Und dann solle ich morgen nochmals kommen. Als ich mit dem Rezept zur Apotheke ging schaute die Dame mich dann etwas ungläubig an und meinte etwas von wegen das diese Schmerzmittel wirkliche Bomben seien, die man normaler weiße Krebskranken verschreiben würde.

Mir Wurst, mir war alles Wurst, ich wollte nur noch schlafen. Irgendwie kam ich dann noch nach Hause, die Schmerzen waren, oh Wunder, wieder da. Wurst. Wie gesagt. Ich schmiss mir eine Tablette ein und: JAAAA. Ich schlief. Schlief wie ein Baby. Bis zum nächsten Morgen, wo ich dann gleich wieder zum Zahnarzt fuhr. Ich wusste, der Zahn müsse raus. Das war nicht normal.
Onkel Zahn Doc stimmte mir hier auch zu. Spritze, 15 Minuten warten, bis sie wirken würde.
Dann kam dieses kleine, gemeine Hämmerchen zum Einsatz, mit dem gegen den Zahn geschlagen wird, um zu sehen, ob da noch was zu fühlen ist. Und das war es. Niederhöllische Schmerzen zuckten durch mein Gehirn, zwangen mir Tränen in die Augen. Er runzelte nur die Stirn, eine weitere Spritze folgte. Gleiches Prozedere wie zuvor. Schmerzen am ganzen Körper. Richtig Übel. Nach der dritten Spritze und noch immer keiner Wirkung die Frage ob ich denn Schmerzmittel genommen hätte.
Ich starrte ihn ungläubig an. Ja, die Mittel, die sie mir gestern verschrieben hatten. Er schluckte nur und meinte dann etwas betroffen, die Mittel schienen bei mir die Betäubung aufzuheben. Er stellte mich vor die Option: Ein Tag mit diesen Schmerzen oder… Zahn ohne Betäubung raus.

Ich wäre kein Tiroler, wenn ich nicht gut mit Schmerzen umgehen könnte, also dachte ich mir, der Zahn muss raus, die anderen Schmerzen waren anders: tiefer, psychischer.
Also gut. Kommen wir zum Finale.
Onkel Doc rief 3 Schwestern herein. Eine setzte sich auf meine Füße, eine zog mir die Hände zurück und fixierte sie, die andere versuchte meinen Kopf zu halten. Mund weit aufgerissen, der Schweiß rann jetzt schon am ganzen Körper herunter. Und dann die Zange, die sich um meinen Zahn schloss. Ich konnte alles Spüren. Der erste Ruck, ein knirschen, ein gemurmelter Fluch, Blut Geschmack und das Gefühl kleiner Bröckchen im Mund. Der Zahn war zersplittert. Er versuchte weiter den Zahn zu erwischen, irgendeinen Hebel zu finden, immer wieder kräftiges Rucken. Dann, auf einmal war er draussen. 5 Minuten hatte das ganze gedauert.

In diesen 5 Minuten hatte ich das Gefühl neben mir zu stehen, zu fühlen, wie Wellen von Schmerzen durch meinen Körper zuckten. Brannte, wie ein Gift, das durch meine Nervenbahnen jagte. Ich kann es nicht beschreiben. Ich weiß nur noch, dass ich danach nie wieder etwas Ähnliches gefühlt hatte. Keine Verletzung, kein Schnitt, kein gar nichts kam annähernd an diesen Schmerzgrad heran. Mein ganzer Körper brannte innerlich, mein Kopf war ein siedender Klumpen Fleisch geworden und die Nerven schrien in sämtlichen Ecken und Enden ihre Pein hinaus.

Schnell nähte der Doc noch die Wunde zu, gab mir Instruktionen, wie ich das zu pflegen hatte und entließ mich dann. Ich glaube, ich hätte mich selbst nicht mal aufstehen lassen. Ich war kreidebleich, schweiß übersäht, eigentlich war ich eher grün. Als ich die 2 Treppen hinter mich gebracht habe, bin ich dann zusammengebrochen. Kreislauf, alles unten. 30 Minuten saß ich da in dem kühlen Treppenhaus und versuchte nicht komplett wegzutreten. Irgendwann schaffte ich es dann zu meiner Oma und da dann nach Hause.Und schlief, mit Schmerzmitteln dann irgendwann ein.

Und nach diesem Erlebnis war ich 6 Jahre nicht mehr beim Zahnarzt. Ich konnte es nicht. Ich hatte solch eine panische Angst, dass ich einfach nicht mehr hin konnte. Keine Chance. Und das habe ich jetzt zu tragen. Auch wenn’s nicht schlecht aussieht… meine Zähne könnten besser sein. Aber… Durchschnittszähne sind besser als keine 😉 Sag ich mal so.

Ja, das war die kleine Geschichte des großen Grauens…

Advertisements