Im heutigen Beitrag zum Thema der Woche möchte ich ein bisschen was zum Thema „Fantastische Literatur“ schreiben. Der nachfolgende Text ist die überarbeitete Fassung eines Leseabends, den ich, zusammen mit meiner Mutter, in meinem Heimatdorf Obsteig vor versammelter Fachpresse (Dorffotograf) und fachkundigen Besuchern (Dörfler) vorgetragen habe. Das Thema lautete „Dance Macabre – von der fantastischen Literatur“ und behandelte die grundlegendsten Wesenszüge und Charakteristikas von fantastischer Literatur.

Einleitung

Fantastische Literatur ist die älteste Form von Erzählungen in schriftlich niedergelegter Form. Der erste bekannte Fantasy Roman ist vermutlich der Gilgamesch Epos (hier streitet sich die Wissenschaft: Mythos oder Tatsachenberichte?) aus Persien, mehr als 4.000 Jahre alt. Im groben unterteilt man fantastische Literatur in drei Kategorien: Fantasy, Science Fiction und Horror.
In erster Linie dient die Literatur der Unterhaltung, der Bildung, oft auch der Erziehung oder dem Ausdruck bestimmter moralischer Aspekte. Nicht nur im westlichen Bereich unserer Erde ist man seit Jahrhunderten von fantastischen Geschichten fasziniert. Erzählte man sich früher noch die Geschichten am Lagerfeuer oder wurden in den griechischen, persischen oder römischen Schulen von Lehrern vorgetragen, so haben die Geschichten heute ihren Weg in unsere kommerzielle Gesellschaft gefunden und dienen der Unterhaltung und Bildung, weniger der Erziehung und moralischen Festigung.

Doch was ist fantastische Literatur überhaupt? Fantastische Literatur ist jene Art von Geschichte, welche fantastische Elemente besitzt, Elemente, die in unserer heutigen, rationellen Weltanschauung nicht möglich sind. Als bestes Beispiel für dieses Fantastische nehmen wir Krieg der Sterne oder Star Trek. Utopische Visionen eines kreativen Kopfes. Visionen die fantastisch sind.
Ja, dann müssten auch Romane die erfundene Figuren und Handlungen haben, fantastisch sein, wird man sich nun denken. Nun, das stimmt zum Teil, jedoch beschränken sie sich auf irdische Möglichkeiten, die zum Teil wahr sein könnten. Die Definition von Fantastischer Literatur ist sehr schwer und oft sind die Grenzen sehr fließend und schwer zu erkennen. Wir wollen uns aber mit der klassischen Fantasy Literatur beschäftigen und nicht mit den hybriden Formen. Gerade die Definition von Fantasy und Nicht-Fantasy wird wohl auf jeder Literatur Convetion behandelt, jeder Autor hat seine eigenen Ansichten dazu und jeder Kritiker wieder andere.

Wir wollen nicht den Wert und die Qualität von Fantastischer Literatur zu bewerten, sondern wir wollen uns viel mehr mit den verschiedenen Arten auseinander setzen. Klar, man muss dabei immer wieder auf verschiedene Autoren eingehen um sie zu verstehen und wir werden heute, wenn wir uns eine Meinung bilden wollen, viele Facetten von so genannter „Kunst“ durcharbeiten. Aber dieses Bild muss jeder für sich selbst aufbauen.
Der berühmteste Lehrsatz von E.B. Whits, „The Element of Style“ ist seine 13. Regel: „Unnötige Worte weglassen“.
Zugegeben, viele der modernen Literaten halten sich nicht daran, sondern schmücken ihre Werke aus bis fast jedes Detail beschrieben worden ist. Um ein kurzes positives Beispiel zu nennen, ehe wir uns dann der Literatur selbst zuwenden ist
Robert Louis StevensonsDr. Jekyll und Mr. Hyde„: Die Charakterisierungen sind rasch und präzise; Stevensons Figuren werden angerissen, verkommen aber niemals zu Karikaturen. Stimmung wird angedeutet, nicht herbeigeredet. Der Diktus ist so abgehakt und rasant wie das hochfrisierte Auto eines Jugendlichen.
Die Facette eines jeden Buches, die am häufigsten übersehen wird, dürfte die sein, dass es ihm gelingt, die Wirklichkeit zu überwinden und ins Reich der reinen Fantasie abzuheben. Und genau das gelingt Stevensons vortrefflich. Durch seine kurze, prägnante Schilderung, durch seinen klaren, fast wissenschaftlichen Textfluss wird der Leser fast dazu gezwungen, die restlichen Bilder in seinen Gedanken zu malen. In seiner Fantasie.
Je mehr Details also eine Geschichte trägt, desto leichter wird es dem Leser gemacht, sich die Geschichte vorzustellen. Das ist in meinen Augen ein bedauerlicher Werdegang, da somit die Kreativität nicht beim Leser liegt, sondern beim Autor, der dem Leser vorschreibt, wie seine Welt auszusehen hat. Doch genug nun von den Stilmitteln der Schreiberlinge, wir werden später noch genug davon zu lesen bekommen.

Im vergangenen Jahrhundert hat die Kunstform des Erzählens eine radikale Veränderung durchgemacht, ein neues Medium wurde zum weit verbreitetesten Träger solcher Erzählungen: das Fernsehen und das Kino. Wenn wir die Literatur betrachten wollen, müssen wir auch Zwangsweise auf diese visuellen und auditativen Medien eingehen um den Kreis zur Entwicklung der Fantastischen Literatur zu schließen. Doch spielt diese Form der Erzählung hauptsächlich im fantastischen Bereich des Horrors eine tragende Rolle. Bei Fantasy und Science Fiction können wir sie getrost weglassen, wurden diese Genres nicht so stark von dieser Bewegung geformt.

Fantastische Literatur erzählt fast immer vom ewigen Kampf des guten gegen das Böse und fast immer gewinnt das Gute, in welcher Form auch immer (das kann der gefallene Engel der Hölle sein, gleich wie das Unbill nach einem Raumschiffabsturz auf einem unbewohnten Planeten). Es gibt so viel Schrecken in unserer Welt, das wir Unterbewusst froh sind, wenn der böse Schurke am Ende der Schlacht in die Tiefe einer Höllenspalte stürzt oder von wilden Tieren, die er selbst aufgezogen hat gefressen wird. Der Böse soll dafür zahlen, dass er die Guten so gequält hat. Wir dürsten danach, das Blut des Bösewichts auf dem gesamten Flur zu verteilen und der Gute soll die hübsche Prinzessin heiraten.
Wir haben fast immer diese Faktoren. Der Gute (meistens gegen seinen Willen) kämpft gegen den Bösen (meist ein komplett rücksichtsloser und kalter Mistkerl, der die Wörter Moral und Ethik nicht einmal aussprechen kann) und bekommt am Ende eine Belohnung für seine aufopferungsvolle Tat (meistens in Form einer hübschen, jungen Braut). Der Leser ist nun glücklich und kann das Buch getrost weglegen, wieder einmal hat das Gute triumphiert und das Böse wurde vernichtet. Gleich darauf greift der werte Leser zur Fernbedienung und sieht sich die Nachrichten an und denkt sich, wäre es nicht toll auch hier solch einen Helden, einen Guten zu haben, der all das Böse auf der Welt vernichtet? Literatur, welche diesem Schema folgt ist eine Art Therapie für den Leser. Er kann sich oft selbst mit der Figur des Helden identifizieren und den Erzbösewicht selbst besiegen und besiegt so seine eigene Ohnmacht was das Geschehen in unserer Welt angeht.

Doch was ist, wenn nun einmal das Böse triumphiert? WAS? wird sich so manch einer denken, wie kann man nur auf eine solch verkommene Idee kommen?
Nun, Romane in denen unser Held nicht siegt, sind in der Tat sehr selten. Wir finden fast immer einen kleinen Sieg für uns selbst (hat er nun wirklich „uns selbst“ gesagt? Ja, aber lassen Sie mich bitte ausreden), wir wollen das Böse nicht die Oberhand gewinnen lassen. Hier suchen wir verzweifelt nach einem moralischen Aspekt und werden ihn auch meistens finden (Abgesehen von den Lovecraftschen Visionen, wo die Welt immer den Bach runter geht). Allerdings sind wir im ersten Augenblick verwirrt, lesen die letzen Seiten noch einmal durch, können nicht glauben, das der Held nun wirklich gestorben ist oder in eine andere Dimension geschleudert wurde, aus der ihn nur der Bösewicht befreien kann (was er natürlich niemals tun wird, hehehe). Wir fragen uns, warum wir diesen Schund gelesen haben, wo wir nun so lange mit dem Helden mitgezittert haben, jeder Tropfen Schweiß, den er vergossen hat, haben wir auf unseren Lippen gespürt, jede Träne die er geweint hatte, rann auch über unsere Wangen. WARUM? fragen wir uns, warum denn nur? Zu guter letzt gibt es keine Antwort auf diese Frage, vielleicht wollte sich der Autor die Möglichkeit für eine Fortsetzung offen behalten, in der der Bösewicht den Helden aus seinem Gefängnis in einer anderen Dimension befreit oder aber der Autor möchte durch dieses Ende eine deutliche Aussage machen. Er möchte den Leser schocken, ihm vor Augen führen, dass auch das Böse eine Macht symbolisiert, die wir und der Held der Geschichte nicht kontrollieren können. Und meist gelingt es dem Autoren auch. Er führt uns vor Augen, dass diese fiktive Welt in welche wir eintauchen noch viel Schrecklicher ist, als unser reales Leben, jenes Leben, das wir nur über die Nachrichten und die Zeitungen wirklich erleben.
Niemand von uns kann behaupten, dass es ihm schlecht geht. Niemand leidet Hunger, dass einem die Bäuche aufquellen, niemand hier muss vergiftetes Wasser in Ermangelung einer Alternative trinken, niemand hat wirkliche schreckliche Gewalteinwirkung aus nächster Nähe erfahren. Niemand hat die Willkür des Krieges erfahren (außer vielleicht ältere Personen). Ich behaupte, dass jene Romane, in denen der Held nicht siegt, uns auf einer sehr unterbewussten Ebene ansprechen. Das jenes Schicksal das der Hauptperson widerfahren ist auch unseres sein könnte und durch die Tatsache das dem nicht so ist, bringt es jene selten angeschlagene Seite der Moral zum klingen. Ja, wir haben es doch gut, wir haben ein gutes Leben, wir können am Abend ruhig einschlafen (vielleicht werden wir von Sorgen geplagt: finanzielle, emotionale oder zwischenmenschliche) und stehen am Morgen wieder auf und wissen unterbewusst das wir Glück mit unserem Leben haben.

Beide Versionen der Literatur, das gute wie auch das schlechte Ende sprechen uns an, allerdings sprechen sie unterschiedliche Sprachen. Das gute Ende zeigt uns an der Oberfläche und in unserer Fantasie dass wir es gut haben. Das schlechte Ende hält uns einen moralischen Spiegel vor die Nase welchen wir zuvor nicht sehen konnten.
Wir können das mit 2 Grundsätzen in der Literatur vergleichen. Der Apollinischen und der Dionyschen Psychologie. Diese beiden Begriffe werden uns noch des öfteren begegnen, daher möchte ich es kurz umschreiben, was ich damit meine.

Apollinisch: Hier behandelt der Autor das Wesen des Intellekts, von der Moral und edler Gesinnung. Der Held ist stets auf dem Aufwärtspfad, entwickelt seine eigene Ethik oder wird von einem Lehrmeister darin unterrichtet (Ein gutes Beispiel ist sicherlich Star Wars mit der dunklen oder hellen Seite der Macht).
Dionysisch: Das Tier, das animalische im Menschen. Das Streben gilt der Ausschweifung, der körperlichen Befriedigung. Wir erkennen uns oft selbst wieder, wenn wir zum Beispiel Dr. Jekylls Ausbruch aus der Brüderie und Scheinmoral seiner Zeit beobachten und er zu Mr. Hyde wird. Es ist die Hau-auf-den-Putz Seite der menschlichen Natur.

Beide dieser Grundsätze befinden sich in jedem von uns. In jedem von uns steckt etwas reines, etwas künstlerisches, etwas kreatives. Aber zugleich steckt in jedem von uns das Tier, die Lust, die Wut, der Wunsch nach Zerstörung.
Betrachten wir nun noch einmal jene zwei Arten von Geschichten und wir werden feststellen, dass jenes gute Ende, das uns oberflächlich anspricht apollinischer Natur ist. Es ist meist von guten Grundsätzen und Moral durchzogen, auch wenn die Geschichte vielleicht nicht so erscheinen mag. Verstehen sie mich nicht falsch. Oft ist die Tragweite des Handelns des Helden dionysisch angehaucht, aber er folgt einem apollinischen Weg.
Dionysisch wird es, wenn der Bösewicht siegt. Wenn sein Streben nach Macht den Helden vernichtet, wenn er alle Hebel seiner Macht zieht um zu vernichten und zu zerstören. Klar, der Held ist in solchen Epen apollinisch, aber was am Ende bleibt ist die dionysische Zerstörung seiner Moral und des Guten.

Doch nun genug von diesen allgemeinen Details, beginnen wir mit dem ersten Bestandteil jener Fantastischen Literatur, die ja nun im Vordergrund steht.

Fantasy!

Mehr im Beitrag zum Thema der Woche in 7 Tagen.

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